Die Preisträger

2016
Reinhard Strecker

2014
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

2012
Gerhart R. Baum
Bernd Wagner

2010
Prof. Dr. Dres. h.c.
Spiros Simitis

2008
Seyran Ates

2006
Dr. Heribert Prantl

2004
Dr. Hildegard Hamm-Brücher
Dr. Heinrich Hannover

2002
Margot von Renesse

2000
Barbara Just-Dahlmann
Dr. jur. Theo Rasehorn

1998
Dr. Burkhard Hirsch

1996
Otto Gritschneder
Wolfgang Ullmann

1994
Diether Posser

Nachruf auf Dr. Theo Rasehorn
* 26.10.1918 † 16.01.2016

Arnold-Freymuth- Preisträger im Jahr 2000

Theo Rasehorn wurde noch zu Kaiser Wilhelms Zeiten geboren. Er erlebte als Kind die Weimarer Republik. Zu Beginn seiner Jugend ermächtigten die bürgerlichen Parteien Adolf Hitler. Der Vater, Postinspektor, trat nicht in die NSDAP ein. Nach Theos Bericht, war nicht die Politik der wesentliche Grund. Auch nicht sein katholischer Glaube, sondern die preußische Lebenshaltung, der die Aufgeblasenheit und Korruption der Nazis zuwider war. Aber wenn er auch auf den Berufsaufstieg verzichtete, so war der Vater kein Widerständler. Er wollte den Beruf als Lebensexistenz für die Familie und den Gymnasiasten Theo erhalten. Theos Studienwunsch kam der Einzug zur Wehrmacht zuvor. Dann der Zweite Weltkrieg. Erst nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes konnte der aus der Gefangenschaft heimkehrende 27 jährige Theo im Dezember 1945 das Studium der Rechte aufnehmen. Für Theo war es bis zur Währungsreform eine Zeit des Hungerns und des Frierens. Deutschland stand damals auf der Stufe eines Entwicklungslandes. Dennoch empfand Theo diese „grässliche“ Zeit in der Rückschau auch beglückend; denn es öffnete sich für ihn das „Tor zur geistigen und kulturellen Befreiung“. Allerdings bedauerte er in den mit ihm geführten Gesprächen stets, dass ihm Hitler die „schönsten Jahre“, die Jugendzeit, gestohlen hatte.

Nach seiner Promotion schlug Theo die Richterlaufbahn ein. Er war von 1951 bis 1983 als Richter am Landgericht in Bonn sowie an den Oberlandesgerichten in Köln und Frankfurt tätig, zuletzt als Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht Frankfurt am Main.

Theo trat erstmals im Jahr 1959 mit dem Beitrag „Justiz im NS-Zwielicht“ in der linkskatholischen Zeitschrift Werkhefte hervor. Er wandte sich „gegen das Bemühen des Richterbundes, die Tätigkeit von Richtern in der NS-Zeit zu verharmlosen“. Damit machte er sich damals nicht beliebt. Zu
Recht hatte er sich das Pseudonym Xaver Berra zugelegt. Aber das war schnell entschlüsselt. Viele in der Justiz sahen ihn als Nestbeschmutzer. Seine juristische Karriere war zunächst beendet. Erst als in Hessen ein sozialdemokratischer Reformer Justizminister wurde und Theo nach Hessen wechselte, endete die Diskriminierung.

Theo machte beim sozialliberalen Aufbruch zum Anfang der 70er Jahre aktiv mit. Er arbeitete zusammen mit Wassermann im Aktionskomitee Justiz und wurde in den Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen (1974–1982) gewählt. Nach seiner Pensionierung unterstützte er den Aufbruch einer neuen Richtergeneration. Er nahm an deren Richterratschlägen teil und schrieb in deren Zeitschrift „Betrifft Justiz“ von 1985 bis 1997 unter seinem alten Decknamen Xaver Berra regelmäßig Kolumnen.

Sein reformerischer Impetus führte Theo zur Rechtssoziologie. So kam es zur Zusammenarbeit mit Dieter Strempel, dem seinerzeitigen Leiter des Referats „Rechtstatsachenforschung“ im Bundesministerium der Justiz. Von 1989 bis 1995 gehörte Theo dem Sprechergremium der Sektion Rechtssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie an.

Eine persönliche Erinnerung: Theo ist fast 100 Jahre alt geworden. Zuletzt habe ich ihn am 22.03.2002 in Hamm gesehen. An diesem Tag kam die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach zur Freymuth-Gesellschaft, um an der Umbenennung der am Oberlandesgericht gelegenen Stichstraße nach Arnold Freymuth teilzunehmen. Das neue Straßenschild wurde vom Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann präsentiert. Zusätzlich wurde im Foyer des Neubaus des Oberlandesgerichts eine an Freymuth erinnernde Skulptur feierlich enthüllt. Theo stand neben mir und flüsterte: „Jetzt ist der vertriebene Richter Arnold Freymuth wieder in sein Gericht zurückgekehrt!“ Das war auch bitter nötig; denn erst nach fast 80 Jahren war die Einsicht bei der Hammer Justiz gewachsen, dass es eine Ehre für sie ist, einen der wenigen republikanischen Richter der Weimarer Republik in ihren Reihen gehabt zu haben. Die Freude darüber war bei Theo groß; denn Theos großes Thema war immer die Verankerung der Richterschaft im demokratischen und sozialen Rechtsstaat.

Theo Rasehorn hat mit seinen rechtssoziologischen Schriften und seinem mutigen persönlich selbstlosen Einsatz für Reformen in Justiz und Gesellschaft Spuren in der Geschichte der Bundesrepublik hinterlassen. Bescheiden drückt er es selbst so aus: „"Ein normales privates Leben sollte es werden. Die Umstände und mein kritischer Impetus ließen das nicht zu, forderten ein gesellschaftliches Engagement. Viel habe ich nicht erreicht. Aber ich fand mein Leben."

Wir danken ihm von Herzen dafür und halten sein Andenken in Ehren!

Weimar, 28. Januar 2016
Im Namen der Arnold-Freymuth-Gesellschaft
Professor Franz Josef Düwell
Präsident der Arnold-Freymuth-Gesellschaft